Was wäre eine richtige Burg ohne Sage von einem unter-irdischen Gang! Schon damals, so heißt es bei Anna Hensler, und sie meint jene weit zurückliegende Zeit, als das ganze Rheintal noch ein See war, hat ein unter-irdischer Gang von der Nüburg bis zum Klauser Sattelberg geführt, unter See und Sumpfland durch, tief unten in der Erde.

Da ist er also wieder einmal, der zähe Glaube an einen unterirdischen Gang, wie er fast von jeder Burg berichtet wird. Diesmal soll die Verbindung sogar unter dem Talboden hinweg gute 1½ km hinüber bis zum Sattelberg gereicht haben!

Um die Erwartungen nicht über Gebühr anzuheizen, mag hier eine Textstelle eingeschoben werden, die uns die Dinge von Anfang an klarer sehen lässt: »Es ist zu bemerken, daß die in Romantik schaffende Volksphantasie im allgemeinen auch hierzulande viel von derartigen Gängen, ja ganzen Verbindunsgängen zwischen weit entfernten Nachbarburgen zu berichten weiß, wo eine nüchterne Untersuchung keinerlei Spur davon antref­fen kann und eine solche Verbindung schon mit Rück­sicht auf die Bodenbeschaffenheit (Felsgrund) und die Unzulänglichkeit der damaligen technischen Mittel von vornherein ausgeschlossen erscheinen muß.« Der Verfasser der Zeilen wusste, wovon er sprach, es han­delt sich bei ihm um den bereits einmal erwähnten Andreas Ulmer, den besten Burgenkenner seiner Zeit.

Unterirdische Gänge solcher Art lassen sich in un­serem Land an einer Hand abzählen. Einen konnte einst der Emser Graf Kaspar benützen, wenn er sich mit seiner Familie vom Palast hinüber in die »Hanni­balkirche«, die Vorgängerin der heutigen Stadtpfarr­kirche, begeben wollte. Einem ähnlichen Verwen­dungszweck dürfte auch jener Gang gedient haben, der sich ehemals in Dornbirn im Bereich des »Oberdorfer Thurns« befand und ebenfalls auf den ge­rade erwähnten Grafen zurückgehen dürfte. Er konnte dann nämlich – diesmal vom »Emser Schlösschen« aus, das dort errichtet worden war – immer trockenen Fußes in die Kapelle (heute Stadtpfarrkirche St. Sebas­tian) kommen. Erhalten hat sich in beiden Fällen nichts. Der spektakulärste Gang ist ohne Zweifel jener der Ruggburg im Gemeindegebiet von Eichenberg. Unter einem gewissen Hans von Rechberg spielte die­ser unterirdische Gang vielleicht eine wichtige Rolle. Sicher ist es auch nicht! Der gefürchtete und entspre­chend gehasste Raubritter soll sich mit seinen Kumpa­nen durch ihn in Sicherheit gebracht haben. In späterer Zeit machte man sich natürlich unter anderem auch auf die Suche nach dem geheimnisumwitterten Ge­wölbe, und tatsächlich konnte anfangs des letzten Jahrhunderts im Bereich der Vorburg sein Eingang ge­funden werden. Dem Verfasser selbst war es vor ei­nem halben Jahrhundert vergönnt, sich wenigstens ei­nige Meter weit in diesen Gang hineinzubegeben, und unvergessen bleibt ihm dabei die Erinnerung an eine Schlange – vielleicht war es auch nur eine harmlose Blindschlei­che -, der er sich dabei plötzlich gegenübersah.

Dass der bei der Neuburg vermutete Gang zum Sattelberg hinüber geführt haben soll, ist in der Sage von Anna Hensler bereits erwähnt worden. Leider ist die sogenannte »Kalkofenhöhle« erst im Jahre 1971 entdeckt worden, wer weiß, ob sich rund um sie in frü­herer Zeit nicht auch eine entsprechende Sage um den Aus­gang des Fluchtwegs von der Neuburg herüber gebil­det hätte. Vom Naturwunder der in Jahrtausenden ge­wachsenen Sinterröhrchen, die wie ein gefrorener Re­gen von der Decke hingen, wäre indes auch dann wohl nichts mehr zu sehen. Der Zugang zur Höhle ist heute zwar ohne jede Schwierigkeit möglich, doch es ist absolut zwecklos, durch deren enge Öffnung zu kriechen, denn die ganze Herrlichkeit verschwand damals innerhalb kür­zester Zeit durch hemmungslose Sammel- und Zerstö­rungswut, geblie­ben ist  nur ein kahles Loch. Das ist bittere Realität und weit entfernt von jenem Stoff, aus dem gemeinhin Sagen entstehen!