Einen  großen  Haufen  Goldes  mußten  sie  in  der  Burg zurücklassen und er liegt nun tief unter dem Ge­mäuer. Seltsames Getier haust dort und schreckt je­den, der ein­dringen will.

Natürlich sind wieder einmal die Neuburg und ihre ehemaligen Besitzer gemeint. Diesmal ist es Hedwig Hensler, die uns solches berichtet. Wo sonst hätten sich Schatzgräber denn bemühen sollen, wenn nicht auf dieser Ruine!

Wie ernsthaft an Gold und Edelsteine gedacht wurde, zeigt sich auch daran, dass die Neuburg gleich mit vier Schatz-Sagen aufwarten kann. Natürlich geht es dabei um jene Reichtü­mer, die von den Neuburger Zwingherren zurückgelassen worden sind, als sie fliehen mussten. Inzwischen wissen wir, dass der Abgang der letzten Neuburger ohne jede Hast stattgefunden hat, es war ihnen sicher genug Zeit verblieben, eventuell tatsäch­lich vor-handene Kleinodien mitzunehmen. Dass sie auch den Erlös für die Feste mit allem Zubehör – es ging um eine Summe von 3.300 Pfund Konstanzer Münze – mitge-nommen hatten, ist anzunehmen. Die Sage jedoch weiß von einem Schatz:

Die Sage jedoch weiß von einem Schatz:

Er liegt in einem tiefen unterirdischen Gewölbe vergraben. Von Zeit zu Zeit kommt er ans Licht hervor, und man kann ihn dann zwischen den verfallenen Mauerringen im Walde liegen sehen. Aber nahen darf ihm niemand. Der ganze  Wald  ist  dann  wie  verwunschen. Schlangen und Ge­würm kriecht und spannt sich von einem  Baum zum anderen. Auf den Ästen sitzen Tiere mit glänzenden Schuppen und glasigen Augen, von Gestalt wie Eich­hörnchen, aber viel größer: Sogar die Tannen schei­nen zu leben, und es ist, als ob sich von ihnen unheim­liche Arme dem Eindringling entgegenstreckten.

Davon wusste der Erste, der des Weges kam, wahrscheinlich gar nichts. Er war ein Bub aus der Dürne und er schaute vor allem auf den Boden. An Schätze dachte er wohl überhaupt nicht, er war eigentlich nur auf den Schlossberg gekommen, um Holz zu sammeln.

Da hörte er auf einmal etwas hinter sich rascheln. Als er umschaute, sah er eine Natter, die zwischen dem alten Gemäuer auf einem Haufen Gold lag und ihm entgegenzischte. In der Angst lief er davon. Hätte er einen Stecken gehabt und damit kreuzweis auf die Natter und den Gold­haufen gehauen, so hätte er das Gold heben können und er wäre reich gewesen für sein Lebtag, denn es war der Burgschatz, der sich, von der Natter bewacht, sonnte.

Dass sich die Natter sonnte, wäre ja einzusehen, aber der Schatz? Die Sache ist erklärungsbedürf­tig, und Hedwig Hensler scheint sich da genau auszukennen: Schätze glänzen bekanntlich, Glast will zum Glast, und ebenso wolle der Goldschatz zur Sonne, erklärt sie.

Schatzgräber - Ludwig Zumbusch
Schatzgräber – Ludwig Zumbusch

In einer weiteren Schatzsage geht es um eine alte Frau aus Götzis, die in der Nähe der Neuburg Holz sammelte. Dort aber fand die Frau nur wenig Holz und ein Häufchen Sägspäne. Als sie am anderen Morgen mit den Sägspänen Feuer anmachen wollte, waren diese zu lauterem Gold geworden.

Die Sage kann sich bezüglich ihres Alters sicher nicht mit anderen Be­richten von der Neuburg messen, sie erzählt nämlich aus­drücklich von einer Ruine. Inzwischen wurden in de­ren Umgebung offensichtlich schon Bäume gefällt, die erwähnten Sägespäne deuten jedenfalls darauf hin.

Dass Laub und Kohlen sich in Gold verwandeln können, war der Frau vielleicht bekannt. Warum also nicht auch Sägespäne? Irgendwie wird man dabei den Verdacht nicht los, als hätte die schlaue Götznerin schon insgeheim damit  gerechnet,  dass  es  mit  dem  In­halt  ihrer  Schürze etwas Besonderes auf sich haben musste, sagte sie doch keinem, woher sie ihn hatte; Holz aus dem Bereich einer Burgruine schien doch etwas anderes als gewöhnliches Brennmaterial zu sein. Andererseits ging sie am nächsten Morgen in die Kü­che, in der festen Absicht, mit den Spänen Feuer an­zumachen.

Oder hatte sie etwa vom Rat des großen Paracelsus gehört, der in ähnlichen Fällen riet, die Feuerprobe anzu-wenden, um Täuschungen der Geister zu erkennen? Als sich dann die Sägespäne in Gold verwandelt hatten, konnte sie die Sache mit dem Gold dann aber doch nicht für sich behalten und fing an zu plaudern, und so erfuhr es ein Fuhrmann.

Der hatte natürlich nichts anderes mehr im Sinn, als ebenfalls zu solchen Schätzen zu kommen. Den ganzen Tag über konnte er es kaum erwarten, bis es dunkel wurde. Er nahm aber keineswegs, wie man es jetzt erwarten könnte, einige Säcke mit, um ebenfalls Sägespäne zu sammeln, nein, er ging aufs Ganze! Mit Haue und Spaten machte er sich um Mitter­nacht auf den Weg, um den Schatz zu heben. Das war jedoch keine leichte Aufgabe, denn auf dem Schatz, hieß es, hocke eine scheußliche Kröte, die man vorher entfernen müsse. Wer ihm das gesagt hatte? Das wusste doch jedes Kind!

Unser Fuhrmann stieg also, sicher in freudiger Erwartung und entsprechend aufgeregt, den Burgweg hinauf, und weil er sich beim Schatzgraben auskannte, wartete er, bis es zwölf Uhr schlug. Wer heute auf dem alten Burgweg hinauf zu den Überresten der stolzen Feste wandert, kann sich das Folgende lebhaft vorstellen.
Durch die beiden äußeren Tore wird der Fuhrmann wohl noch ungeschoren ge­kommen sein, dann wird er den Weg über den Burg­hof genommen haben, hinauf zum nächsten Tor. Hier könnte es dann passiert sein.
Er war schon unter dem Schloßtor; wie er da von ungefähr in die Höhe schaute, sah er einen ungeheu­ren Mühlstein an einem Roßhaar hängen.

Unwillkürlich fühlt man sich an dieser Stelle an den bekannten Damokles der griechischen Sage erin­nert, der Ähnliches unter einem scharf geschliffenen Schwert erleben musste, das ebenfalls an einem Pfer­dehaar hing und ihn bedrohte. Unserem Mann fiel das Herz in die Hose. Spaten und Haue warf er von sich, und mit weiten Sätzen hetzte er den Weg, den er ge­kommen war, wieder hinunter. Vonbun berichtet, der Fuhrmann habe später noch oft davon erzählt, wie fürchtig ihn die Krott angeschaut habe. Dabei hatte er noch nicht einmal begonnen zu graben. Nach der ältes­ten Version habe der Fuhrmann sich damals an­schließend derart gefürchtet, dass er bei der Heimfahrt sein Pferd peitschte, als hab’ er an jenem Tag noch zum Teufel fahren wollen.