Wahrscheinlich die bekannteste aller Neuburg-Sagen ist jene von der schlauen Magd. Die denkwürdige Sache soll sich hier vor langer, langer Zeit abgespielt haben, und deshalb mag manches nicht mehr ganz so klar sein. Es ging damals um eine Belagerung, wie sie wohl jede Feste in ihrer Geschichte erleben musste. Besonders schlimm war es in unserem Land in dieser Hinsicht anfangs des 15. Jahrhunderts, zur Zeit der Appenzellerkriege. Nicht umsonst wird später einfach vom großen »Burgenbruch« gesprochen. Der Reihe nach fielen die starken Bollwerke, die Neuburg war eins der wenigen, welche die schweren Zeiten überlebten. Und das hatte seinen guten Grund: Eine Magd hatte sie gerettet! Keine Frage, sie muss schon eine schlaue Person gewesen sein.
Für den Sommer 1407 werden in den alten Berichten Söldner erwähnt, die »vor der Festi lagent«, natürlich, weil sie die Burg erobern wollten. Oben aber, hinter den dicken Mauern, spielte sich etwas Eigenartiges ab. Stand da doch eine ganz gewöhnliche Magd vor jenem, der für die Verteidigung verantwortlich war, und überraschte ihn und wohl auch alle anderen, die es hörten, mit ihrem Rat. Dass sie als einfache Frau diesen überhaupt geben durfte, zeigt, in welch aussichtsloser Lage sich die Neuburg und ihre Verteidiger befanden. Natürlich wusste die Magd ebenso gut wie alle anderen, dass es auf der Burg nichts mehr zu beißen gab. Ein Viertel Gerste und eine magere Kuh, das war alles, was nach der langen Zeit der Belagerung noch übrig geblieben war.
»Ei«, so habe sie gesagt, »auf das Viertel Gerste kommt’s wohl nimmer an. Streut’s der Kuh vor und schlachtet sie!«
Der Burghauptmann mag ihr und auch jenem, der empfohlen hatte, sie nach ihrem Rat zu fragen, entsprechende Blicke zugeworfen haben. Hatte man ihm nicht von einer schlauen Person berichtet? Das, was da vor ihm stand, war doch wohl eher eine Verrückte. Die Magd aber ließ sich nicht einschüchtern, holte tief Luft und legte dar, wie sie sich die Lösung des Problems vorstellte:
»Dann werfen wir den vollen Magen über die Mauern; vielleicht daß die unten glauben, wir hätten noch Vorrat auf lange.«
Das klang zwar überzeugend, doch ganz ohne Risiko war es auch nicht. Die Belagerten wussten natürlich, wie genau es die Feinde mit dem über die Burgmauern Hinuntergeworfenen nahmen. Wahrscheinlich hatten sie in ihrer Lage sogar schon seit etlichen Tagen nichts mehr auf diese Art »entsorgt«. Dass auf einer belagerten Burg schließlich jedes Grashälmchen im Kochtopf landete, bevor man sich ergab, war sicher beiden Seiten bekannt. Was also, wenn da plötzlich ein noch durchaus verwertbarer Kuhmagen herunterplumpste, aus dem zudem noch halb oder ganz verdaute Gerste quoll? Um es kurz zu machen: Zum Rat der schlauen Magd gehörten fast notwendigerweise auch etwas naive Belagerer. Oder sie verstanden das Ganze als Provokation, nach dem Motto: »Ätsch, ihr könnt noch jahrelang da unten hocken und belagern!«
In der Sage klingt das alles ziemlich knapp:
Sie taten so, und bald war der Jubel auf der Nüburg groß. Denn als die feindlichen Krieger den Kuhmagen voll Gerste fanden, zeigten sie ihn einander mit langen, enttäuschten Gesichtern und zogen ab. Die Nüburg aber stand weiterhin auf waldigem Hügel inmitten des Rheintales, von wo aus der Blick bis zum blauen Bodensee und den Felszacken der Drei Schwestern schweift.
