Inmitten des Rheintals auf waldiger Höhe, von wo der Blick bis hinab zum blauen Bodensee schweift und hinauf zu den wilden Felszacken des Rätikon, liegen die Trümmer der Feste Nüburg.

So schrieb Anna Hensler in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts, und bei Andreas Ulmer heißt es in seinem bekannten Standardwerk über die Burgen unseres Landes: »Auf dem ’Schloßberg’ … ragen, von Wald und Gesträuch zum Teil überdeckt, Ruinenreste der einstigen großartigen Schloßanlage der Neuburg, die in der vater-ländischen Geschichte eine bedeutsame Rolle spielte.«

Zum ersten Mal genannt wird die Feste um die Mitte des 12. Jahrhunderts; allerdings nur indi­rekt, denn in der betreffenden Urkunde ist nur die Rede von einem »Adelbero de Nuenburc« und seinem Bruder, einem gewissen »Kiso«, die auf einem Reichstag Barbarossas als Zeugen auftreten.

Der gerade erwähnte Kaiser »Rotbart« war es auch, der um diese Zeit ein Urteil fällte, das einen bekannten Mann für eineinhalb Jahre auf die Neuburg brachte, und zwar als Gefangenen. Es war Pfalzgraf Hugo II. von Tü-bingen. Gegangen war es um einen ziemlich verworrenen Erbschaftsstreit, in den die meis­ten Adelsfamilien der Umgebung verwickelt wa­ren und den der Kaiser auf diese Art beendet hatte. Dieser Hugo war der Vater eines Soh-nes, der für unser Land noch sehr wichtig werden sollte, Hugo I. von Montfort nämlich. Leider gibt es keine Sage über den Zwangsaufenthalt seines Vaters; dabei hätte sich der Stoff ähnlich gut wie jener – knapp 30 Jahre später – von Richard Löwenherz auf Burg Dürnstein angebo­ten. Immerhin aber kommen in »Pfalzgraf Hugo von Tübin-gen«, einer historischen Erzählung aus den Zwanziger-jahren des letzten Jahrhunderts, zwei als Pilger verkleidete Knappen auf die »Nuinburg« und bitten ihren Herrn, sich in einen Pilgermantel zu hül­len und anstelle des einen von ihnen zu fliehen. Doch sie haben den Pfalzgrafen falsch eingeschätzt.

… Hugo richtete sich hoch auf. Der Lichtschein traf seine hagere Gestalt, sein blasses Gesicht. Schier unkennt-lich machte ihn der dichte Bart, der ungepflegt bis auf die Brust niederwallte, doch aus seinen Augen blickte hehrer Stolz: »Eines vergeßt ihr, treue Jüng­linge: das Wort, das ich gegeben, das Ritterwort, hier in Haft zu bleiben!«

Auch ohne den Hinweis auf den doch etwas über­raschend üppigen Bartwuchs innerhalb der eineinhalb Jahre ist es sicher eine beeindruckende Schilderung. Vor allem aber wird der vornehme Charakter des Va­ters unseres ersten Montforters eindrücklich belegt.

Pfalzgraf Hugo II. von Tübingen – gefangen auf der Neuburg